Undtot - Kapitel 15: Was vorher, währenddessen und am Ende geschah


Vorher
Das Simon beim Streichholzziehen den kürzeren gezogen hatte und an diesem Feiertagmorgen Dienst verrichten musste, störte ihn gar nicht so sehr. Er hatte sowieso keine Lust auf die buckelige Verwandtschaft. Das er sich beim Essen der geschmierten Brote auf die Zunge gebissen hatte war da schon etwas anderes. Hätte er zu diesem Zeitpunkt gewusst, dass er Minuten später zu einem sabbernden, nach Menschenfleisch dürstenden Untoten werden würde, sein Kaffee wäre wohl in der Thermoskanne geblieben. Zu allem Überfluss trank er seine Tasse direkt über dem Einfülltrichter für das Streugut der Räumfahrzeuge. Und so kam es wie es kommen musste. 
 
Als die Verwandlung anfing war es erst nur ein Pochen in der Zunge, dort wo er sich gebissen hatte. Dann wurde ihm mit einem mal heiß und er hatte das Gefühl zu ersticken. Er sackte auf ein Knie und versuchte sich am Geländer fest zu halten. Geschüttelt von Krämpfen fiel dann zuerst sein Kaffeebecher und schließlich er selbst in den Streuguttrichter. Seine Jeanshose verfing sich in Höhe des Knies an einem hervorstehenden Haken, doch das Streugut zog ihn mit sich. Und so verlor er die Hälfte seiner Hose auf dem Weg durch den Trichter und schlitzte sich danach auch die gesamte Wade bis auf den Knochen an dem Haken auf. Schmerzensschreie hörte man nicht. Zu diesem Zeitpunkt war sein Mund schon gefüllt mit kleinen Steinen und Salz, welches ihm auf der Zunge brannte. Während er unter Tonnen von Streugut begraben wurde und langsam wie im Treibsand auf den Grund des LKWs sank ging ihm nur ein Gedanke durch den Kopf. Hätte er doch ein Streichholz weiter links gezogen.

Währenddessen
Als nach einer gewissen Weile jemand den Truck startete wurde Simon wach. Zumindest das was von ihm übrig war. Halb verwest und nur noch durch seine Instinkte getrieben, sorgte der Lärm dafür das er einen unbändigen Hunger verspürte. Und so grub er sich auf das Geräusch zu. Zu seinem Pech war der Motor, der für den Lärm verantwortlich war nicht von der Ladefläche aus zu erreichen und so kratzte er sich nur das Fleisch von den Fingern als er versuchte in einem Meter Tiefe durch eine Wand aus Stahl zu kommen.
Seine vielen Leidensgenossen, die an der riesigen Schaufel des Schneeschiebers zerschellten machten dagegen keine Geräusche. Es drang jedenfalls nichts bis zu ihm vor.

Nach mehreren Stunden in denen sie mit dem großen LKW nur schleppend voran kamen, immer wieder mussten sie die Schneeschaufel einsetzen um Autos zur Seite zu schieben, kam zu allem Ärger auch noch ein Platten hinzu. Während Mike unter dem LKW nach einem Reserverad schaute, prüfte Robert die Karte. Sie hatten wegen der vielen Hindernisse nur wenige Kilometer geschafft. In diesem Tempo würden sie es niemals rechtzeitig nach Seattle schaffen.
Kein Reserverad!“ Mike kroch unter dem LKW hervor und klopfte sich den Staub von seiner mittlerweile schon ein wenig in Mitleidenschaft gezogenen Uniform.
Können wir den flicken?“, mischte sich Vivian ein während sie Ben vom Truck half.
Robert und Mike begutachteten den Schaden, den eine kaputte Leitplanke verursacht hatte, und brauchten keine Worte zu wechseln. Die komplette Flanke war aufgeschlitzt worden. Ersatz hatten sie nicht und eine Fahrt auf der Felge konnte an jedem potentiellen Hindernis zu Ende sein, daher entschied sich Robert dafür erst einmal die Gegend zu erkunden. Der untote Simon, seiner Lärmortung durch den unplanmäßigen Stopp beraubt, verfiel wieder in eine Art Ruhemodus.

Ihr werdet nicht schon wieder alleine los ziehen.“ Vivian klopfte an die Seite des Trucks. „Ich kann euch ja nicht jedes mal retten. Nicht mit dem Platten.“
Wie wäre es, wenn Du diesmal mitkommst?“ Robert schaute sie fragend an. Mike gefiel die Idee ganz gut. Er hatte seit der Mall genug von Erkundungstrips.
Ok, ich bin dabei.“ Sie klemmte sich ihr Trennbeil in den Gürtelbund und schulterte eine Umhängetasche. Robert kontrollierte das Magazin im Revolver und nahm dann seinen Baseballschläger in die Hand. „Dann lass uns mal schauen was die Natur hier zu bieten hat. Ich glaube ich habe ein bis zwei Meilen zurück ein Farmhaus gesehen.“
Ein, zwei Meilen? Zu Fuß?“ Sie schaute an sich herunter. „Du hast Glück, dass ich heute mein Wanderoutfit an habe.“
Grinsend hakte sie sich bei ihm unter und sie ließen Mike und Ben allein.
Vivian genoss die Zeit mit Robert. Sie fand ihn attraktiv und er war bis auf Mike der einzige Mann weit und breit, was war also schon dabei wenn sie herausfand ob er zu mehr als nur einem Flirt taugte.
Jetzt wo wir allein sind, Robert.“ Sie schaute ihn fragend an.
Ja?“
Ich habe da einmal eine Frage. Woher kommt dieser schreckliche Akzent?“ Sie lachte, weil sie einfach nicht bei so etwas ernst bleiben konnte.
Robert dachte an zu Hause. An seine Heimatstadt, den Fußballverein der niemals über die Viertklassigkeit hinaus gekommen war und seine Familie. Zum ersten Mal seit Beginn der Katastrophe stockte sein Herz als ihm bewusst wurde, dass er seine Eltern und seine nervige Schwester wohl nie wieder sehen würde. Oder war Deutschland vielleicht verschont geblieben? Noah hatte nur von einem Impfstoff in den hiesigen Städten gesprochen. Die deutsche Gründlichkeit hatte vielleicht dafür gesorgt, dass so etwas nicht passiert war. Der Virus könnte auch dort ausgebrochen sein, aber ohne eine so rasche Verbreitung. Er nahm sich vor herauszufinden ob und wie er dorthin kommen konnte. So lange würde er die Hoffnung nicht aufgeben.
Deutschland. Ziemlich genau in der Mitte. Dort wo noch jeder jeden kennt und sich gegenseitig anzeigt, wenn die Hecke des Nachbarn den eigenen Zaun bedrängt.“
Ah, ein wahres Idyll. Und warum bist du dort weg?“ Vivian klang wirklich interessiert, also erzählte Robert weiter.
Die Bezahlung war einfach extrem mies in meinem vorherigen Job. Und da mein bester Kumpel aus Kindertagen mit seinem Vater hier eine Firma gegründet hat bin ich quasi als externer Berater eingestiegen.“ Die Umschreibung gefiel ihm recht gut dafür, dass er vorher zwei Jahre Arbeitslosigkeit hinter sich hatte und nach dem erstbesten Strohhalm gegriffen hatte, der sich ihm bot.
Und du? Was zeichnet deinen Heimatort aus?“
Och, Vetternwirtschaft und korrupte Polizisten. Alles was eine gute Kleinstadt braucht.“ Sie rollte mit den Augen.
Ach, stimmt. Da war ja was mit Gefängnis.“ Er knuffte sie am Oberarm.
Erinnere mich nicht daran.“ Sie rieb sich die Beule an der Stirn, die kaum noch zu sehen war. Er nahm sie bei der Hand, drehte sie um und küsste sie auf die Stirn.
Sie knuffte ihn mit der Faust auf die Schulter und spürte plötzlich Schmetterlinge im Bauch.
Ich habe wohl dem falschen Typen die Nase gebrochen. Aber ganz unter uns,“ sie kam dicht an ihn heran, „das war es wert!“
Sie lachten gemeinsam und hatten die Zeit total vergessen. Das Farmhaus lag nun direkt vor ihnen. Von Untoten war weit und breit nichts zu sehen.
Ich gehe rein und du hältst hier Wache?“
Wird gemacht, Boss.“ Sie salutierte ironisch und er kam sich ein wenig blöd vor.
Immer zwei auf einmal nehmend lief er die Stufen hoch zum Haus. Er fühlte sich leichtfüßig und gut drauf, was zu einem gewissen Teil auch an Vivian lag. Unter anderen Umständen hätte er sie mit Sicherheit schon nach einem Date gefragt und er nahm sich vor es bei nächster Gelegenheit nachzuholen.
Durch die nicht verschlossene Tür gelangte er direkt in eine Wohnküche, die aber schon längst geplündert worden war. Überall auf dem Boden waren zertretene Cornflakes und leere Konservendosen. Das angrenzende Wohnzimmer war von der Ausbeute her genauso enttäuschend. Bis auf zwei Wolldecken konnte er auch hier nichts brauchbares finden. Bevor er die Treppe in den ersten Stock nehmen konnte, schrie Vivian von draußen etwas. Das Haus dämpfte ihre Schreie doch an der Tonlage konnte er erkennen, dass es dringend war.
Wieder vor dem Haus verzichtete Vivian auf große Worte sondern zeigte einfach nur die Straße hinunter. Die Meute, die vor einigen Stunden noch in Mammoth Mountain gewesen war hatte sich an ihre Fersen geheftet und kam in hohem schlurfenden Tempo auf sie zu, denn sie mussten keine Pause einlegen bei ihrer Verfolgung.
Hast du etwas gefunden?“
Nur die beiden Decken.“
Dann sollten wir uns beeilen Mike und Ben Bescheid zu geben und dann schnell von hier verschwinden.“
Ich glaube nicht, dass wir mit dem Truck weit kommen.“

Als Vivian und Robert die Straße hoch gelaufen kamen rechnete Mike schon damit, dass es Ärger gegeben hatte. Die Masse hinter den beiden erfasste er erst ein paar Sekunden später.
Verfluchte Scheiße.“
Hey, das sagt man nicht!“, protestierte Ben.
Roberts Rufen verstand Mike erst beim zweiten Mal. „Klettert auf den Truck. Flach auf das Streugut legen!“
Er half Ben hoch auf die Ladefläche und schmiss die Taschen und Decken hinterher. Sekunden später waren auch Vivian und Robert da. Das Führerhaus hätte nicht genug Platz für sie alle geboten und war außerdem so tief, dass bei der Masse an Untoten die jetzt auf sie zukamen vielleicht doch einer rein schauen konnte. Nebeneinander hatten sie alle gerade so Platz. Keine fünf Minuten später waren die Untoten auch schon vor Ort und zogen am LKW vorbei.

Am Ende
Simon erwachte gerade rechtzeitig aus seinem Ruhemodus um dem Treiben seiner Artgenossen beizuwohnen. Er versuchte es zumindest. Die Tonnen von Streugut zwischen ihm und der Außenwelt waren immer noch im Weg aber der Hunger ließ ihn langsam rasend werden. Er grub die Hände durch die Steine und das Salz, trat mit dem Bein immer wieder nach dem Boden, schnappte mit seinen verfaulten Zähne nach allem was sich bewegte, also ebenfalls nach Steinen und Salz.

Ich habe Angst.“, flüsterte Ben Vivian zu.
Niemand von denen wird dir etwas tun, solange du hier oben auf dem LKW bist und dich ganz still verhältst.“ Sie streichelte ihm übers Haar und er vergrub den Kopf in seine neue Decke. Robert schaute vorsichtig über den Rand des LKWs nach den Untoten und schätzte, dass bisher erst die Hälfte an ihnen vorbei gezogen war. Mike umklammerte seine Pistole und überprüfte zum wiederholten Male seine Kugeln. Dann lagen sie alle wieder still.

Es trennte Simon nicht mehr viel vom Durchbruch an die Oberfläche, er konnte seine Opfer schon riechen. Seine rechte Hand grub sich aus dem Streugut und packte die erstbeste Hand die er finden konnte, so stark sie sich auch wehrte konnte sie ihm doch nicht entfliehen. Als er in den Handballen biss floss das Blut in Strömen heraus und die Schreie seines Opfers hallten über die Straße und der Köpfe der Untoten hinweg, die sich nun auf sie konzentrierten.

1 Kommentar:

  1. °-° oh nein!

    Deine Schreibe hat echt alles, um mich sehr gut zu unterhalten - ich bin auf weiteres mehr als gespannt.
    Sylvia

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